
WBV: Wie sah Ihr Denkprozess im Vorfeld der Realisierung dieses Projekts aus?
Josef Loretan: Fünf Künstler wurden von der Dienststelle für Immobilien und Bauliches Erbe des Kantons Wallis eingeladen, im Rahmen des Baus des neuen Gebäudes B der Berufsschule Oberwallis in Visp eine künstlerische Intervention zu realisieren. Ich wollte ein Werk schaffen, das für alle sofort und jederzeit verständlich ist, ohne dass man über künstlerische Vorkenntnisse verfügt und unabhängig von Alter, Herkunft und Bildung. Es sollte buchstäblich von Schülern, Lehrern, Besuchern und Nachbarn ohne Scheu angenommen werden können und so Kunst, Architektur, Ort und Nutzung im öffentlichen Raum miteinander verbinden.
Wie kam Ihnen die konkrete Idee für diese Skulptur?
Im September 2022, bei meinem ersten Besuch in Visp auf dem Campus der Berufsschule Oberwallis, lag zum ersten Mal Schnee in der Mulde des Wiwanni, dem Berg an der Südrampe gegenüber dem Campus. Diese Beobachtung wurde zu meinem Schlüsselbild und floss in meine ersten Ideenskizzen in meinem Atelier ein. Ich stellte mir vor, den Schnee in der typischen Mulde des Wiwanni durch Gips zu ersetzen und ihn als Gegenform vor dem neuen Gebäude B zu platzieren.
Was erinnert diese Bootsform?
Bei meinem zweiten Besuch vor Ort im November tauchte die untergehende Sonne die Senke in ein gelbes Licht. Diese Atmosphäre erinnerte mich an das Bild des ägyptischen Sonnengottes Re, der jeden Tag auf seinem Boot den Himmel durchquert. Diese Assoziation prägte die Idee des Bildes und verstärkte die Verbindung zwischen Landschaft, Symbolik und Architektur. Ausgehend von Skizzen entwickelte ich Modelle aus Polyurethan, die ich formte, bog und überarbeitete. Als Bildhauer ist es für mich wichtig, das Werk während seiner Entstehung physisch vor mir zu haben, die Modelle aus allen Blickwinkeln betrachten zu können, sie zu formen, zu schleifen und so die passende Form zu finden.
Wie wurde dieses Werk konkret realisiert?
Das Werk wurde aus Beton gegossen, der mit einem rotgelben Pigment gefärbt wurde. Die ockerfarbene Farbe ist von der Abendstimmung in Wiwanni und den historischen Ockerpigmenten inspiriert, die in der Kunst verwendet werden. Die Skulptur ergänzt die Architektur. Sie lädt zum Sitzen, Liegen und Entspannen ein und schafft einen Bereich der Erholung und Aktivität, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht.
Welche Dynamik entsteht durch ihre Integration in den öffentlichen Raum?
Das Werk befindet sich auf einer mit Mergelkies bedeckten Ellipse in der Wildwiese östlich des neuen Gebäudes B, in der Mittelachse des Campus. Die Ellipse entspricht formal dem Boot. Das Ensemble ist von aussen zugänglich und vom Erdgeschoss und den drei Stockwerken aus verschiedenen Blickwinkeln sichtbar. Es vermittelt einen Eindruck von Leichtigkeit, Bewegung und Entspannung. Gleichzeitig belebt es den öffentlichen Raum und lädt zur unmittelbaren Interaktion ein. Seine Form macht es auch zu einem Boot oder Schiff, Symbol für den Aufbruch, das Lernen und die Reise des Lebens nach der Ausbildung.