
Im Jahr 2024 wird im Rahmen der Renovierung des Tunnels Pyramides d’Euseigne ein Kunstwettbewerb ausgeschrieben. Der für das Val d’Hérens symbolträchtige und stark frequentierte Ort wird zum Ausgangspunkt für einen offenen künstlerischen Ansatz, der sowohl mit der Landschaft als auch mit den Nutzungen in Dialog treten soll. Zur Überraschung von Claire Frachebourg wird ihr Projekt ausgewählt. «Es war mein erstes Kunst am Bau-Projekt. Ich hatte nicht damit gerechnet, zu gewinnen, aber ein Jahr Zeit und ein spezielles Budget für die Entwicklung eines Werks vor Ort zu haben, ist extrem wertvoll», sagt sie.
Für dieses Projekt – HIRs – entschied sich Claire Frachebourg für Serpentinit, ein grünliches, magnetisches metamorphes Gestein, das in direktem Zusammenhang mit der geologischen Entstehung der Pyramiden von Euseigne steht. Das Material wird in der Nähe abgebaut, insbesondere in einer Kiesgrube, wo diese Steine normalerweise nach Korngrösse für den Strassenbau sortiert werden, und wird hier zum Träger einer Geschichte.
Dreizehn Blöcke – von der Künstlerin als „Eier“ bezeichnet – werden geborgen und anschliessend in zwei Hälften gesägt. Die Scheiben werden dann unter dem Tunnel in einer symbolischen Überlagerung angeordnet: Die Karte des Val d’Hérens verschmilzt mit der Konstellation der Schlange. „Ich wollte eine Geschichte erzählen, die viel länger ist als unsere eigene, nämlich die Geschichte des Steins, als wäre er eine Schallplatte unseres kollektiven Gedächtnisses”, erklärt die Künstlerin. Jede Scheibe ist mit einem Mutterblock verbunden, der in der Landschaft verblieben ist und mit einer Glyphe markiert ist. Die Werke drängen sich dem Betrachter nicht auf: Man entdeckt sie beim Spazierengehen, manchmal zufällig, und sie laden die Passanten dazu ein, langsamer zu werden und das Tal auf eine andere Art zu erkunden.
Ein Werk zum Erleben und Hören
Über die Skulptur hinaus erkundet das Projekt eine klangliche Dimension. Indem die Künstlerin den Serpentinit mit einem anderen Stein reibt, bringt sie einzigartige Frequenzen zum Vorschein. Bei der Einweihung wird das Werk „gespielt“ und dann jedes Jahr am 21. September erneut aktiviert. „Mit einem anderen Stein verändert sich der Klang. Es gibt diese Idee von Zyklen, zwischen Schlange und Ei, zwischen Wiederholung und Transformation”, beschreibt Claire Frachebourg.
Das für den Aussenbereich konzipierte Werk akzeptiert auch Unvorhersehbares: Erosion oder Bewegungen des Berges. „Mir gefiel die Vorstellung einer sehr langen Zeitspanne. Die Vorstellung, dass sich das Werk bewegen und vielleicht von zukünftigen Archäologen oder anderen Zivilisationen wiederentdeckt werden könnte“, verrät sie.
Der Kulturanteil als sinnstiftender Hebel
Der Kulturanteil – oder Kunst am Bau – ist seit langem in der Walliser Politik verankert und ermöglicht es, Bauprojekte mit einer künstlerischen und symbolischen Dimension zu begleiten. Er ist auf 0,5 bis 1,5 % des Budgets für grosse öffentliche Bauvorhaben festgelegt und fördert die Zusammenarbeit zwischen Bauherren, Architekten, Unternehmen und Künstlern, während er gleichzeitig das zeitgenössische Schaffen konkret unterstützt.
Für Claire Frachebourg spielt diese Massnahme eine strukturierende Rolle: «Diese Wettbewerbe ermöglichen es, eine Karriere zu festigen, weniger lukrative Ausstellungsperioden auszugleichen und vor allem Werke zu schaffen, die an einem Ort verankert bleiben.»
Mit einem Budget von 100’000 Franken stellt das Projekt von Claire Frachebourg hohe berufliche Anforderungen: Erstellung einer detaillierten Dokumentation, Budgetüberwachung, Koordination mit den Unternehmen, regelmässiger Austausch mit dem Bauleiter und dem kantonalen Strassenbauamt. All diese Schritte bringen die Künstlerin näher an die Realitäten des Bauwesens heran. «Kunst am Bau ist für mich eine natürliche Erweiterung der Bauberufe um die Kunst», fasst sie zusammen.
Mit dem Ort bauen
Auch heute noch verfolgt die Künstlerin diesen kontextbezogenen Ansatz und entwickelt jedes Projekt ausgehend von einem bestimmten Ort. «Ich gehe gern von einem Ort aus, von dem, was er erzählt, von seinen Nutzungen», erklärt sie. Ihre Arbeit an den Pyramiden von Euseigne veranschaulicht diese Philosophie perfekt: ein diskretes, aber kraftvolles Werk, entstanden aus einer Baustelle, das mit der Architektur, der Landschaft und der Zeit in Dialog tritt.
Mit diesem ersten Beispiel aus der Reihe «Kunst am Bau» erinnert der Baublog des WBV daran, dass Bauen nicht nur bedeutet, technische oder funktionale Anforderungen zu erfüllen. Es bedeutet auch, Orte mit Bedeutung zu schaffen, an denen Kunst nachhaltig zur Bereicherung des Lebensraums beiträgt.