
Im Herzen des Wallis, in den 1950er Jahren, ragte der Staudamm Grande-Dixence wie ein riesiger Betonkoloss empor. Mit einer Höhe von 285 Metern wurde er zu einem der höchsten Gewichtsstaudämme der Welt und prägte die Industrielandschaft der Nachkriegszeit in der Schweiz.
Genau in dieser aussergewöhnlichen Kulisse findet Jean-Luc Godard die Inspiration für seine ersten Schritte als Filmemacher. Bevor er ein bekannter Regisseur wird, ist er zunächst Zuschauer und Akteur dieser Baustelle.
Von der Schaufel zum Projektor: Godard als Arbeiter und Filmemacher
Jean-Luc Godard, noch jung und begierig darauf, im Kino zu arbeiten, verlässt Paris Anfang der 1950er Jahre und lässt sich in der Schweiz nieder, wo er hofft, seine filmischen Projekte finanzieren zu können. Durch seine Mutter und Freunde bekommt er eine Stelle auf der Baustelle von Grande-Dixence, zunächst als Hilfsarbeiter, dann als Telefonist.
Im Laufe der langen Arbeitstage, im Rhythmus der Maschinenbewegungen und des Balletts der Arbeiter reift in ihm die Idee zu einem Film: die Herstellung von Beton, die Giessarbeiten, das menschliche und mechanische Treiben beim Bau des Staudamms zu dokumentieren.
Anstatt sich auf eine administrative Rolle zu beschränken, ergreift Godard diese Gelegenheit als einmalige Chance. Er konzipiert einen Dokumentarfilm, der vor Ort mit Hilfe seines Freundes, dem Ingenieur Jean-Pierre Laubscher, einem Kameramann und seinen eigenen Bemühungen gedreht wird, um die Geräusche und Bilder der Baustelle so originalgetreu wie möglich aufzunehmen.
Opération Béton, ein bahnbrechender Dokumentarfilm
So entstand Opération Béton, ein kurzer Dokumentarfilm, der 1954 gedreht wurde, aber erst 1958 in die Kinos kam. Der Film ist weit mehr als eine einfache technische Illustration, sondern bietet eine fast poetische Sicht auf die Baustelle. Weitwinkelaufnahmen der Kräne und Berge werden von einem vor Ort aufgenommenen Soundtrack begleitet, in dem das Geräusch der Maschinen zu Musik wird, während Godards Off-Stimme einen lyrischen und eindringlichen Kommentar liefert. Die Erzählung entfernt sich bewusst von einem rein wissenschaftlichen oder technischen Ton, um „den Atem des Betons” und den Rhythmus des Baus zu beschreiben.
Der von Actua Films Genève produzierte und schliesslich von der Compagnie de la Grande-Dixence gekaufte Film kommt als Begleitfilm zu einem Spielfilm in die französischen Kinos und bietet seinem jungen Autor die Möglichkeit, seine filmische Berufung weiterzuverfolgen.
Auch wenn Jean-Luc Godard heute vor allem als einer der Begründer der Nouvelle Vague gefeiert wird – mit wegweisenden Filmen wie À bout de souffle (1960) –, bleibt Opération Béton ein wichtiges Zeugnis seiner Anfänge.