Wenn sich Bauwerke mit Kunst vereinen

Seit rund einem Jahrhundert steht die Kunst im Zentrum öffentlicher Bauwerke im Wallis. Dank eines reservierten Budgets können bei Bauund Renovationsprojekten Ästhetik, soziale Beziehungen und kollektive Identität berücksichtigt werden. Das System ist wenig bekannt, ermöglicht jedoch Bauherren, Architekten und Künstlern, gemeinsam den öffentlichen Raum nachhaltig aufzuwerten.

Auf dem Platz der Planta gehen die Leute an der bekannten Statue der St. Katharina vorbei, ohne sich über ihren Ursprung Gedanken zu machen. Das Werk ist den Einwohnern von Sitten vertraut. Es ist das erste Projekt, das vom aktuellen System der künstlerischen Intervention bei Bauwerken finanziert worden ist. Dieses System sieht vor, dass in staatlichen Bau- und Renovationsprojekten eine künstlerische Intervention integriert wird. Abgesehen vom künstlerischen Aspekt verfolgt das System ein gesellschaftliches Ziel. «Es geht insbesondere darum, die Kunst aus den Museen und Galerien, die für einen Teil der Bevölkerung ein gewisses Hindernis darstellen, direkt in den öffentlichen Raum zu führen und gleichzeitig die lokale Kunstszene zu fördern», betont Alain Dubois, Chef der kantonalen Dienststelle für Kultur.

Der Grundsatz der «Kunst am Bau» existiert in fast allen Ländern Europas und wurde in der Schweiz am Ende des 19. Jahrhunderts durch den Bund eingeführt. Das Ziel ist klar: die Bautätigkeit mit einer ästhetischen und symbolischen Dimension ergänzen und gleichzeitig die zeitgemässe Kunst unterstützen. Im entsprechenden Reglement des Staatsrats ist dieser Beitrag auf 0,5 bis 1,5 % des Budgets eines öffentlichen Projekts festgelegt, wobei die Obergrenze bei 500’000 Franken liegt. Die Projekte bieten den Künstlern in einem vom öffentlichen Beschaffungswesen geregelten professionellen Rahmen verschiedene konkrete Möglichkeiten. «Es handelt sich für die Künstler um eine zusätzliche mögliche Einnahmequelle», präzisiert der Chef der Dienststelle für Kultur.

Die Kunst im Dienst des Städtebaus

Offene Wettbewerbe oder Wettbewerbe auf Einladung erfordern spezifische Kompetenzen. «Im öffentlichen Raum wird ein Werk nicht wie in einem Museum ausgestellt», ruft er in Erinnerung und betont die Notwendigkeit einer besonderen Sensibilität in Bezug auf die Gepflogenheiten und den Kontext. An den Beratungen beteiligen sich Experten wie die Kunsthistorikerin Anne Jean-Richard Largey, Direktorin des Centre artistique et culturel la Ferme-Asile in Sitten, oder Jean-Paul Felley, Direktor der Schule für Gestaltung und Hochschule für Kunst (EDHEA) in Siders. An der Hochschule für Kunst werden die Studierenden im Unterricht dazu motiviert, an diesen Wettbewerben teilzunehmen.

Jedes künstlerische Projekt bildet so Gegenstand einer vertieften Reflexion. Der Bauherr evaluiert die Art der Intervention. Das Projekt hängt wesentlich vom Standort und von der Realisierung im Aussen- oder Innenbereich ab. «Der Dialog zwischen dem Bauherrn und dem Präsidium der Jury ist entscheidend», erklärt Alain Dubois. «Architekten, Kunstexperten und institutionelle Vertreter arbeiten eng zusammen, um ein stimmiges Zusammenspiel zwischen Kunstwerk und Bauwerk sicherzustellen.»

HIRs von Claire Frachebourg bei den Erdpyramiden von Euseigne – wenn der Stein zur Erzählung wird

Ein expandierendes Kulturgut

Seit 1925 wurden im Wallis dank dieses Systems 225 Kunstwerke realisiert, ein Grossteil davon innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Skulpturen, Bilder und Glasmalerei bilden die wesentlichen Elemente dieses Kulturguts mit typischen Werken insbesondere in Sitten und Martinach.

Heute möchte der Kanton das Feld der künstlerischen Disziplinen erweitern. Diese Öffnung wird durch das Beispiel des Tunnels Evouettes illustriert, in den auf Initiative von Vincent Pellissier ein musikalisches Werk integriert worden ist. Insbesondere in den Gesundheitsinstitutionen werden auch andere Felder erforscht. «Wir suchen nach Projekten, die vermehrt Kunst und Wohlergehen der Patienten in Beziehung bringen», erläutert Alain Dubois. Dabei erwähnt er ein mögliches Projekt im Rahmen der künftigen Renovation des Psychiatriespitals Malévoz in Monthey.

Gemeinsam und anders bauen

Heute werden die öffentlichen Projekte durch energetische und wirtschaftliche Anforderungen erschwert. Das Kulturprozent ruft in Erinnerung, dass sich die Bautätigkeit nicht allein auf das Erstellen von funktionellen Bauwerken beschränkt.

Es geht auch um die Schaffung von Orten als Träger von Sinn, Erinnerung und Empfindungen: eine gemeinsame Herausforderung für die öffentliche Hand, die Bauunternehmen und die Künstler im Dienst eines nachhaltigen und bereichernden Lebensrahmens.

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